29.01.2009
Ich fange mal da an, wo ich im letzten Bericht aufgehört habe. Die Wohnung: Als wir letzten Dienstagabend die Wohnung anschauten war es schon dunkel, deswegen kann ich mich jetzt nicht mehr daran erinnern, dass eine meiner Wände Orange war. Lucy hat ihren Freund Jim (auf niederländsich Shim ausgesprochen) dazu bewegt sie weiß zu streichen bevor ich einziehe. Ich bin in die Rumpelkammer gezogen (die die Lucy eigentlich gar nicht vermieten wollte). Für immer Kammerprinzessin!
Das war so: die Anzeige bei Kamernet.nl war auch nur für ein Zimmer ausgeschrieben. Ein Zimmer ich weiß nicht mehr 12qm für 450€. Aber als Lucy las, dass wir zu zweit sind, erinnerte sie sich an die Rumpelkammer, die sie hat und dass sie nur ein paar Sachen rausräumen müsste. Aber dafür hat sie ja einen Freund…hab ich schon erwähnt, dass Lucy Brasilianerin ist und Rehaugen hat??!! Jedenfalls, als wir am Samstag ankamen um einzuziehen war nur Jim da. Er ist Niederländer und sehr nett. Jim war gerade dabei Teppich in meinem Zimmer zu verlegen und erzählte uns, dass Lucy gerade beim Friseur ist.
Lucy hat auch einen Sohn, Sergio 6 Jahre. Er und Jim sind immer nur am Wochenende da, denn Sergio lebt bei seinem Vater in einem anderen Ort, nämlich da wo auch Jim herkommt und Lucy studiert hat. So hat es Lucy geschafft in Ruhe 5 Stunden zum Friseur zu gehen und Jim hat die Zimmer fertig gemacht und auf Sergio aufgepasst. Aber die beiden sind echt voll in Ordnung…wir durften sogar noch am selben Tag eine Couch vom Sperrmüll holen und in Kadderins Zimmer stellen. Dabei hat uns natürlich auch Jim helfen müssen, denn einer musste ja bei Sergio bleiben grinsgrins. Wir fragten Jim draußen, ober er uns schon hasst. Aber er meinte es ist Ok. So muss Kadderin nicht ein halbes Jahr lang auf einer Luftmatratze schlafen muss, das hieße jede Woche pumpen.
Ich habe sogar Internetanschluss in meinem Zimmer. Da war ein Kabel und es funktioniert, keine Ahnung von wem ich jetzt Internet klaue, Lucy wusste es auch nicht.
Ansonsten hat die Wohnung alles, was wichtig ist im Leben eines Sozis: Kaffeemaschine, Waschmaschine, Fernseher. Wir gucken viel MTV unser niederländisch ist nicht gut genug für die anderen Sender. Dafür kennen wir jetzt alle Folgen von Pimp my Ride und Paris Hilton sucht ne neue “BFF“ (bestfriendforever) aber nur Sonntags. Ansonsten werden alle Serien und Filme im Originalton mit Untertiteln ausgestrahlt. Werbung, Nachrichten, Kinderfilme und –serien und natürlich die in Holland produzierten Sendungen nicht. Da bleibt nur MTV.
Ok jetzt noch ein bisschen was zur Arbeit. Ich habe mal versucht das wirrwarr in diesem haus von AMOC in meinem Kopf zu ordnen:
Zur Zeit arbeite ich in der Teestube. Dorthin kommen täglich zwischen 50 und 70 Klienten. Gestern habe ich mal gezählt, es gibt 30 Sitzplätze. Das heisst aber nicht, dass 20 bis 40 Leute stehen müssen. Es ist eine ständige Bewegung. Manche sind duschen, manche im Userraum, manche sprechen mit ihrem SozialarbeiterIn, manche gehen und kommen wieder. Und ständig will einer was. Es ist meist sehr hektisch und man ist den ganzen Tag den unterschiedlichsten Sprachen ausgesetzt. Polnisch, Russisch, Italienisch, Britisch, Deutsch, Österreischich, Portugiesisch, Niederländisch…
Zu den Aufgaben, ich nenn es mal –stationen gehören: die Küche, die Dusche, das Telefon/PC. Das sind permanente Stationen, die immer besetzt sein müssen. Dann gibt es noch „Hotel“. Das heisst, jeden Tag um 11 Uhr fährt (natürlich mit dem Rad) einer von uns zu zwei Hotels in der Nachbarschaft und holt Brot, das vom Frühstück dort übrig geblieben ist.
Dann gibt es noch „Sweeping“, jeden Tag um 12Uhr und um 15 Uhr geht eine von uns mit zwei KlientInnen je eine halbe Stunde durch die Nachbarschaft. Dabei sind die Klienten bewaffnet mit einer Kralle und einem Müllsack denn es wird Müll von den Straßen eingesammelt. Das dient dem guten Verhältnis zur Nachbarschaft, denn der Konsumraum und die Teestube sind nur geduldet nicht vollkommen legal oder erwünscht. Leute begreifen nicht, dass die Klienten sonst auf der Straße spritzen würden, was noch viel weniger erfreulich für die Nachbarschaft wäre. Jedenfalls ist dieses Sweeping ein Versuch des Entgegenkommens und eine gute Gelegenheit der Praktikanten mit den Klienten ins Gespräch zu kommen.
Dann gibt es noch Post holen. Unspektakulär. Und „Neighbour watch“, da muss einer kurz durchs Viertel laufen und gucken ob nicht einer unserer Klienten irgendwo in der Umgebung kifft, spritzt, Alkohol trinkt, dealt etc…
Ich hatte schon das Vergnügen bei einer Sweepingrunde, 2 polnische Klienten mit Bier vorm Lidl zu sehen, und durfte sie dafür ausmeckern. Ich bin mir bis jetzt noch nicht sicher ob sie mich verstanden haben…jedenfalls wer das tut in der Nachbarschaft oder in der Teestube (trinken, dealen, kiffen, spritzen) ist raus, zumindest für den Tag. So sind die Hausregeln.
In der Küche gehört es zur Aufgabe: Kaffee und Tee zu machen, allen möglichen Kram zu verkaufen von Tabak bis zu Rasierern und beim Essen kochen zu helfen bzw., wenn der Koch nicht da ist selber was zu brutzeln. Die PC-Station ist so was wie die Rezeption. Da gibt es eine Klientendatabase. Jeder der am Tag kommt wird erfasst und auch was er tun möchte (duschen, mit Sozi sprechen…) wird erfasst und auf eine Liste gesetzt, die wird dann abgearbeitet. Und zu dieser Station gehört es, ans Telefon zu gehen.
Die Station Dusche ist im Keller und da wird Wäsche gewaschen und aufgepasst, dass keiner in der Dusche konsumiert, das heißt alle 5 Minuten klopfen und fragen ob alles in Ordnung ist, aber nur bei deinen, bei denen man denken muss dass konsumiert wird. Das sind die, die zum Beispiel auf der Warteliste stehen für einen Konsumraumvertrag. Und man empfängt, die die duschen wollen mit einem Handtuch und der Frage, ob sie etwas aus dem Kleiderraum brauchen. Da ist man auch ein bisschen Fashionberater und kommt echt am einfachsten ins Gespräch mit Klienten.
…
Ich hoffe, dass ich bald mehr Soziaufgaben machen kann, denn die Teestube ist zwar super, aber eben nicht das was man als fertiger DiplSoz ein halbes Jahr machen möchte. Jeder von den 3 Sozialarbeitern bei Amoc hat ja seine eigenen Klienten. Vielleicht kann ich da mal hospitieren bzw. irgendwann auch einen haben. Pro Tag gibt es 1 bis 5 Intakes, also neue Klienten. Amoc ist auch zum Beispiel für Urlauber da, die bestohlen wurden und keine Ahnung haben, wie sie ohne Pass und ohne Geld wieder nachhause kommen sollen. Oder letzte Woche gab es einen jungen Norweger, der mit seinem Freund über Weihnachten nach Amsterdam kam. Die beiden haben dann ihr komplettes Geld verkokst und verkifft bis sie nur noch Geld für ein Rückfahrtticket hatten. Der Freund ist gefahren mit dem Versprechen, er schicke Geld für das andere Ticket. Bullshit, toller Freund. Also kam der andere zu uns und wir haben ihm ein Ticket besorgt und ihn in den Zug gesetzt. Seine Eltern konnten ihm auch nicht helfen, weil die in Norwegen schon ihr ganzes Hab und Gut verkoksten. Und er stand nun kurz vor der Obdachlosigkeit in Amsterdam bzw. war es schon.
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Am Sonntag arbeite ich das erste Mal im Userraum. Eine Kollegin erzählte mir, als sie das erste mal da war, wurde sie stoned vom Crackraucherrauch und musste erstmal an die frische Luft. Ich bin gespannt.
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Ich habe auch mal gezählt wie viele Menschen bei Amoc arbeiten. 24 davon feste Mitarbeiter 10. Die anderen sind Praktikanten, 2 ehrenamtliche, eine Putze.
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Manchmal wenn ich so ein bisschen Zeit habe meinen Blick durch die Teestube zu werfen, habe ich das Gefühl in der Klapper zu sein. Einer der gerade seinen imaginären Hund ausschimpft, einer steht vorm Fernseher und wippt zu Britney Spears, einer kratzt sich am Kopf woraufhin ein anderer ausrastet, viele sprechen mit sich selbst, 3 schlafen mit dem Kopf aufm Tisch, einer der gerade sein „Examen“ schreibt in dem er Linien zieht auf weißem Papier, und der eine mit seiner Gitarre der über Jesus singt. Halleluja. Da möchte man nicht mal mehr daran denken Drogen auch nur auszuprobieren.
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So genug gelangweilt mit meiner Arbeit.
Seit Dienstag habe ich ein Fahrrad. Ich habe es auf dem Markt gekauft am Waterlooplein. Es ist rot und blau und hat ein Nummernschild auf dem steht „HO 447“ damit sollte ich nicht im Dunkeln durchs Rotlichtviertel fahren. Mit Schloss und Licht habe ich 72,50 € bezahlt. Und ich denke es ist ein geklautes Fahrrad, aber zumindest war der, dem ich es abkaufte kein Klient von uns. Gestern habe ich es von der Arbeit bis nachhause gefahren. Ich habe die Fähre genommen, die ist kostenlos. Achso, das Zentrum, wo ich arbeite wird von Noord, wo ich wohne durch einen Fluss getrennt, dem IJ, und entweder man nimmt den Tunnel, aber da dürfen nur Busse und Autos oder die Fähre für Fussgänger, Fietsen (Fahrräder) und Brommfietsen (Mopeds).
Gestern hab ich es vor unserem Block angeschlossen, und Lucy meinte ich soll es mal lieber in den Keller stellen, aber ich war zu faul. Ausgerechnet das von Lucy, die vorgestern die ganze Nacht ihren Schlüssel an der Wohnungstür von außen stecken ließ. Wirklich.
Zum Schluss noch ein wenig Amsterdam Trivia: Der Shiphol Airport liegt 5 Meter unterm Meeresspiegel und der Amsterdamer Hauptbahnhof ist auf einer künstlichen Insel errichtet worden. Man braucht eine Karte um seinen Müll zu entsorgen. Und wir glauben, dass die Hostellandschaft in Amsterdam von der chinesischen Mafia betrieben wird.
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