Wo soll ich nur anfangen. Seit dem letzten Bericht ist soviel passiert und ich wollte schon viel eher alle Eindrücke und Geschehnisse aufschreiben. Aber die Zeit arbeitet gegen mich. Gut, dass ich jetzt ein paar ruhige Stunden habe, um euch zu erfreuen und meine Psychohygiene zu betreiben.Heute muss ich erst um 17Uhr anfangen zu arbeiten. Das bedeutet ich arbeite heute in der Abendkonsultation für die jungen Männer, die in der Prostitution arbeiten. Und ab 21 Uhr arbeite ich noch für zweieinhalb Stunden im Nachtauffang in einer anderen Einrichtung. Die Abendkonsultation ist etwas anders als das „Drop-in“ am Tag. Das System ist das gleiche (Essen, Duschen, Reden) aber die Atmosphäre ist eine ganz Andere. Viel ruhiger, viel sensibler. Die jungen Männer, zum größten Teil aus Rumänien, sind sehr nett und viel offensichtlicher dankbar, als die Klienten am Tag. Das Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Sie arbeiten in der Prostitution, weil sie nicht legal arbeiten dürfen. Die niederländische Regierung erteilt Arbeitserlaubnisse für Rumänen und Bulgaren erst in 2 Jahren. Die meisten von ihnen nehmen keine Drogen. Sie wollen nur Geld verdienen.Die zuständigen Sozialarbeiter für diese Zielgruppe Amocs sind Carolina und Christi. Sie kommt aus Holland, er ist Rumäne und arbeitet selbst halb illegal bei Amoc, denn auch für ihn gilt: Arbeitserlaubnis erst in 2 Jahren. Warum nur halb illegal, weiß ich noch nicht, aber ich glaube ich kann ihn heute Fragen, denn zur Abendkonsultation ist immer nur ein Sozialarbeiter da und bis jetzt habe ich nur mit Carolina arbeiten können.Carolina hat mir erzählt, dass es bei der Konsultation gerade etwas spannend ist, weil einer von den neuen Klienten gar nicht in der Prostitution arbeitet, sondern ein Türsteher einer der Bars ist, in denen die jungen Männer auf ihre Freier warten und wo sie ihre Zuhälter haben. Das heißt, dass dieser Türsteher wahrscheinlich geschickt wurde um zu spionieren, denn Carolina und Christi machen auch das sogenannte „Outreach“, das ist aufsuchende Sozialarbeit oder auch Streetwork. Sie gehen einmal pro Woche, zumeist in einer Nacht am Wochenende, in die Bars um mit den jungen Männern zu reden und ein Gefühl für ihre Arbeitssituation zu bekommen, und natürlich um auch die jungen Männer kennen zu lernen, die (noch) nicht zur Abendkonsultation kommen. Die Zuhälter in den Bars sind da natürlich sehr skeptisch, wahrscheinlich weil sie auch wissen, dass Amoc mit der Nachbarschaftspolizei zusammen arbeitet. Aber diese Zusammenarbeit bezieht sich ausschließlich auf die Drogenkonsumierenden. Jedenfalls eine sehr heikle und psychisch anstrengende Arbeit.Dass die Arbeit bei Amoc psychisch anstrengend ist, wusste ich schon bevor ich anfing, aber am vergangenen Freitag musste es das emotionale Areal meiner linken Gehirnhälfte und mein Herz aktiv feststellen. Freitag war ein sehr chaotischer Tag (über 70 Klienten auf einmal, wir waren nur zu fünft) und ich war schon etwas vorbelastet vom Vortag. Denn da hab ich schon einen Klienten rausschmeißen müssen, weil er Alkohol in seinen Orangensaft gekippt hatte. (Zur Paradoxie des Alkoholverbots im Haus, bei einem bestehenden Raum in dem Heroin und Kokain konsumiert werden darf, werde ich erst schreiben können, wenn ich selber den sozialpädagogischen Ansatz dahinter verstanden habe. Klar ist schon mal, dass mir Leute auf Koks und „H“ tausendmal lieber sind als Besoffene!) Außerdem ist am Donnerstag ein neuer Klient gekommen. Er ist aus Ungarn, 66 Jahre alt, hat ganz große, leuchtend blaue Augen und ein sehr nettes Lächeln und wenn er deutsch spricht (er spricht deutsch weil er im Zweiten Weltkrieg im KZ Dauchau gefangen war), hat er einen Akzent der mein Herz mit Sympathie erfüllt. Er hat sich auf einen Kaffee hingesetzt und weil ich gerade "free student" war, habe ich mich mit ihm unterhalten und ihn gefragt was er macht und warum er zu Amoc gekommen ist. Er erzählte, dass er die letzten 10 Tage im Krankenhaus war, weil seine linke Körperhälfte gelähmt war, danach wollte er zurück zu dem Haus seines Freundes, wo er schlafen kann, aber der Freund ist nicht mehr da. Ich habe versucht ihm Mut zu machen und erklärt, dass er erstmal ein Erstgespräch mit einer Sozialarbeiterin macht und dann geht’s weiter. Am hektischen Freitag kam er wieder. Der Freitag hat für mich schon nicht so super gut begonnen, da ich gleich um 11Uhr früh wieder einen Klienten beim Alkoholtrinken erwischt hatte. Diesmal verlief es aber nicht so einfach, wie Donnerstag, denn er diskutierte mit mir, bis ich es satt hatte und meine Kollegin, eine von den Festangestellten, hinzu rief. Am Ende hat er es tatsächlich geschafft, bleiben zu können. Nun saß er direkt neben meinem Arbeitsplatz am Tisch und hat angefangen mich zu beleidigen, auf Rumänisch sagte er „Was is los, Schlampe!“ An dieser Stelle, war ich so froh, dass ich Leute kenne, die Rumänsich studieren und ich daher wusste, was er da sagt, denn so konnte ich angemessen reagieren, und ihm sagen, dass ich verstehe dass er sauer auf mich ist aber ich hier meine Arbeit mache und mich genauso, wie er an die Hausregeln zu halten habe! Naja, es hat nichts genutzt und er hat mir weiter erzählt, dass ich Rumänisch noch brauchen werde, weil alle Rumänen jetzt nach Deutschland kommen und alles „bumsen“ was Frau ist. Puls auf 200 – hass, hass, hass!! Der merkt sich wohl nicht mehr. Nachdem der sich zwischen 10 und 11 Uhr morgens ne Flasche Sekt reingedreht hat wahrscheinlich wirklich nicht. Also hab ich ihm einfach noch mal erklärt, dass ich hier arbeite und dass er nicht weiß was er da sagt, weil er betrunken ist, und wenn er sich weiter so verhält Hausverbot bekommen wird. Dann war’s erstmal gut.
Das nur als kleine Impression, wie ich mich nach diesem Ereignis eh schon fühlte am Freitag. Und dann kam der neue Klient aus Ungarn von Donnerstag wieder. Da habe ich gerade in der Dusche gearbeitet und er wollte sich rasieren. Ich gab ihm Rasierschaum und ein Handtuch und fragte, wie es ihm ginge und ob Chris (die Sozialarbeiterin vom Erstgespräch) ihm weiterhelfen konnte. Er sagte es ginge ihm nicht so gut und er sei nicht unsere Zielgruppe, weswegen es keine Hilfe für ihn gebe. Er hat Recht, denn unsere Zielgruppen sind: Deutsche in Not, europäische Obdachlose, die harte Drogen konsumieren, und europäische Prostituierte. Mich überkam eine Welle des Ungerechtigkeitsempfindens und musste weinen. Da wird man bestraft, weil man keine Drogen nimmt oder nicht in der Prostitution arbeitet. Ich will ihn adoptieren und zu meinem Opa machen. Eigentlich ist er vor 37 Jahren aus Ungarn geflohen und wurde damals als Flüchtling in Amsterdam aufgenommen, er hat Papiere bekommen und ganz legal mit niederländischer Aufenthaltsgenehmigung gelebt. aber eines Tages hat sich ein Gesetz geändert, wonach er hätte zur Botschaft oder irgendwohin gehen müssen, um seine Aufenthaltsgenehmigung umzuändern, aber keiner hat es ihm gesagt und irgendwie hat er es nicht gewusst und blubb auf einmal ist er illegaler Einwanderer...schon komisch, wie unfair! Und generell habe ich das Gefühl, dass sich die Klienten dachten: „Wir machen mal einen auf ruhig bis sich die Neuen eingewöhnt haben!“ Denn jetzt nach drei Wochen scheint es erstmal richtig abzugehen. Zum Beispiel war da letzte Woche ein Klient aus der Klapper (wir hatten schon vernommen, dass wir den mal lieber in Ruhe lassen). Jedenfalls hat „Klapperklaus“ grundlos angefangen zu fluchen in einer Lautstärke, dass sogar Eberhard aus’m dritten Stock runterkam um zu gucken was los ist. Und mitten im Geschrei und Getrampel fällt mir ein: “Scheiße der hat noch nicht für sein Sandwich bezahlt…hm…wohl kein guter Moment ihn darauf hinzuweisen.“Und dann der Käsetyp. Kommt ne Stunde nach dem Mittagessen und meckert mich an, weil es nichts mehr gibt. Dann packt der sein eigenes Essen aus und fragt mich ob ich ihm nicht ne Scheibe Käse schenken könnte. Ich sag nein, denn Käse kaufen wir und müssen die Klienten eben auch bezahlen. Dann krieg ich ne fünfminütige Standpauke, dass ich die schlechteste Praktikantin der Welt sei und dass ihm alle anderen ne Scheibe Käse schenken würden, nur ich mach hier Probleme. Ich sag, dann geh doch zu den anderen und lass dir eine schenken. Sagt er: „Die anderen kenn ich nicht.“ Reflektier dich doch mal, Alter!Umso besser, dass wir dann am Wochenende weggefahren sind. Das war perfekt für mich zur Ablenkung. Wir sind nach Belgien gefahren, nach Hasselt. Das ist eine kleinere Studentenstadt, ca. wie Jena, im Norden Belgiens, wo Jef und Filippe wohnen, das sind zwei von den Erasmusstudenten aus Merseburg, deren Buddy ich damals in Merseburg war. Wir waren Freitag auf ´ner Studentenparty und den Rest des Wochenendes haben wir rumgegammelt und gutes, belgisches Starkbier getrunken (an dieser Stelle mein Tipp: golden dragon, 10,5% Alc. In einer sehr hübschen weisen Flasche, die man betrunkenerweise leicht mit einer Pina Colada verwechseln kann). Auf belgischen Studentenparties kann, man übrigens seine Getränke nicht mit Geld bezahlen. Ähnlich wie in Spielcasinos (nicht dass ich schon mal in einem war, aber man kennt das ja aus Film und Rundfunk) muss man Geld in Chips umtauschen, die „Bonnen“ oder „Bannen“ heißen und dafür bekommt man dann seine Getränke. Umgerechnet bezahlt man dann einen Chip pro Bier, was ca. 1,50€ ist. An dieser Stelle möchte ich nun auch den ungewöhnlichen Titel dieses Berichtes erläutern. Am Sonntag lagen wir faul im Wohnzimmer der drei-etagigen Wohnung mit Wendeltreppe und Balkon von Jef und glotzten in die Röhre. Da kam ein Film oder Musical, wir haben genau in dem Moment hingeschaltet als einer im Film rief: “Thats our Hitler“ wir mussten dran bleiben. Vielleicht kennt einer den Film, er heisst „The Producers“ und spielt mit Gene Wilder (es gibt auch eine Neuverfilmung mit Uma Thurman und Will Farrell von 2005). Es geht um 2 Broadwayproduzenten, die Geld machen wollen, indem sie ein so geschmackloses Musical inszenieren, dass die Investoren nach dem Flop ihr Geld nicht zurückverlangen würden. Also entscheiden sich die Produzenten das Musical eines Altnazis, der Film ist im Übrigen von 1968, aufzuführen. Und tatsächlich gibt es eine Performace darin, die „Springtime for Hitler“ heißt. (Im deutschen ist der Titel des Films sogar „Frühling für Hitler“) Hier ist der Youtube link des Liedes: http://www.youtube.com/watch?v=K08akOt2kuo Ein Ohrwurm. Die zweite Hälfte, dieses Musicals geht dann noch in Richtung Charlie Chaplin. Und unerwarteterweise flopt es nicht sondern wird ein Hit, danach versuchen die Produzenten es weiterhin zu sabotieren. Das Ende haben wir leider nicht gesehen, weil Jefs Mitbewohner Eierkuchen für uns gemacht hat. Hier zum Schluss noch eine lustige Busgeschichte. An dem Tag als wir zu Lucy gezogen sind, stiegen wir in den Bus mit der Nummer 35. Das ist die richtige Linie. Alles war toll. Nur standen wir dann an der Endhaltestelle und die war komplett falsch. Also fragten wir den Busfahrer wo wir jetzt eigentlich sind und warum das falsch ist, weil doch die Nummer die Richtige war. Er erklärte, dass er leider nicht die eigentliche Nummer einstellen konnte, weil das System kaputt war und eigentlich Nummer 34 ist. HAHA, danach ist uns aufgefallen, dass denen das öfter passiert. Deswegen fragen wir jetzt lieber, wenn wir unsicher sind ob’s auch der Richtige Bus ist.
| Die richtige Linie? | |
| Spacecookies im Supermarkt ;) | |
| Mein Zimmer | |
| Kadderin und Jef, Fillipe |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen